80 Jahre Deportation von Deutschen aus dem östlichen Europa zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion – Tagungsbericht

Den am Ende des Zweiten Weltkrieges verschleppten, zur Zwangsarbeit gezwungene und vergessenen Deutschen widmete sich am 11. Oktober 2025 eine Tagung des Vereins Erinnerung und Begegnung e.V. (EuB) in Dresden unter ihrem Vorsitzenden Peter Bien.

Tagung Deportationen Einleitung

Die Veranstalter wollten anregen, dass sich die Öffentlichkeit und die Wissenschaft mit diesem Thema befasst; denn abgesehen von dem Buch und Film „Verschleppt ans Ende der Welt“ der Autorin Freya Klier hat kein namhafter Wissenschaftler oder Publizist eine Veröffentlichung über dieses Thema verfasst. Der Umfang der Deportationen und das Leid der Betroffenen hatten eine ungeheure Dimension, die dazu verpflichtet, den Opfern einen besonderen Stellenwert in der Geschichte des Kampfes um die Respektierung der Menschenrechte zu geben.

Zwischen 500.000 und 1,1 Millionen Deutsche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und den anderen deutschen Siedlungsgebieten in Ostmitteleuropa wurden zwischen Ende 1944 und Anfang 1952 in die Sowjetunion verschleppt und zur Zwangsarbeit gezwungen. 40-50 % der Zwangsarbeiter waren Frauen und Mädchen. 30-50 % überlebten die Deportation nicht.

Die meisten Deportierten, die überlebt hatten, kamen bis Mitte der Fünfzigerjahre wieder frei, vermutlich, weil die Deportation volks- und betriebswirtschaftlich ein Fehlschlag war.  

In mehreren Impulsreferaten berichteten Joachim Löwe, Friedrich Zempel und Peter Bien über das Deportationsgeschehen in Ost- und Westpreußen, Pommern, Polen, Schlesien, Ungarn und Rumänien, dass in den verschiedenen Regionen durchaus unterschiedlich verlief. Aus Ostpreußen wurden besonders viele Frauen und Mädchen, aus Schlesien vor allem Männer deportiert. Die Auswahl erfolgte zufällig und willkürlich. In Rumänien wurde die Deportierten offenbar bewusst ausgewählt und ihre Inhaftierung erstaunlich gut dokumentiert. 

Dr. Josef Schneider referierte über das Schicksal der 210.000-270.000 Deutschen aus der westlichen Sowjetunion, die nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf die UdSSR am 22. Juni 1941 unter großen psychologischen Druck zur Umsiedlung in den Reichsgau Wartheland genötigt worden waren. Weil sie sich der Umsiedlung durch das Deutsche Reich nicht widersetzt hatten, galten sie als Vaterlandsverräter. Sie wurden von der UdSSR mit Zustimmung der Westalliierten und anderer westlicher Staaten mit geradezu kriminalistischer Akribie in ganz Europa aufgespürt, deportiert und in Straflager gesperrt. Ida Böttcher und Galina Zerr berichteten sachlich und anschaulich über ihre Angehörigen, die dieses Schicksal erlitten hatten.

Deutsche aus der westlichen Sowjetunion, die sich der Umsiedlung widersetzt hatten, wurden zwar auch deportiert, kamen aber nicht in Straflager, sondern nur in Sondersiedlungen, wo sie etwas mehr Freiheit hatten.  Ihre Toten sind in den oben genannten Zahlen nicht enthalten.

Alle deutschen Deportierten sollten als „lebende Reparationen“, die durch das Deutsche Reich verursachten Kriegsschäden wiedergutmachen. Diese Maßnahme verstieß zwar gegen das Völkerrecht, war aber von den Westalliierten in der Konferenz von Jalta im Februar 1945 gebilligt worden, als das Ausmaß der Verbrechen des NS-Regimes immer offensichtlicher geworden war.

Die Referenten machten darauf aufmerksam, dass die westlichen Nachbarstaaten Deutschlands auf „lebende Reparationen“ aus der Zivilbevölkerung verzichtet hatten. Dadurch wurde deutlich, dass die Deutschen im Osten für die von ganz Deutschland zu verantwortenden Kriegsschäden und Verbrechen nicht nur durch die Vertreibungen, sondern auch durch die Deportationen ein Sonderopfer erbringen mussten, dass von der deutschen Öffentlichkeit und den deutschen Regierungen in keiner Weise angemessen gewürdigt wurde. Erst 2016 wurde von der Bundesregierung eine Zwangsarbeiter-entschädigung eingeführt. Nur noch rund 40.000 Personen konnten eine Einmalzahlung in Höhe von 2.500 Euro erhalten.

Mit rund 65 Teilnehmern war die Veranstaltung gut besucht, aber Presse, Wissenschaft, Politik und Personen unter 50 waren nicht vertreten. Dieses Ergebnis machte wieder einmal deutlich, dass Deutschland „es nicht schafft“, auf das Leid der eigenen Bevölkerung angemessen zu reagieren.

Friedrich Zempel