langjähriger Vorsitzender des BdV-Kreisverbandes Vogtland
Am 28. Februar d. J. verstarb Dr. Herbert Gall, Vorsitzender des BdV-Kreisverbandes Vogtland. Herr Dr. Gall hat die Geschicke
des Kreisverbandes bis zuletzt maßgeblich bestimmt.
Nachdem am 9. November 1989 aus Versehen die Berliner Mauer geöffnet worden war, ließ sich eine demokratische Entwicklung in der DDR nicht mehr aufhalten. Es entstanden nicht nur Parteien, sondern viele gesellschaftliche Organisationen, die es auch in anderen Demokratien gab. Die Vertriebenen und Aussiedler hatten es besonders schwer, sich zu organisieren. In der DDR hatte die Verleugnung ihrer Geschichte zur Staatsdoktrin gehört. Das Bekenntnis zu dieser Geschichte galt als Revanchismus und war damit strafbar. Mit dieser Verleugnungskampagne hatte die Regierung der DDR auch bei Personen Erfolg, die ihr gegenüber kritisch oder ablehnend gegenüberstanden. Das ist bis heute noch bei vielen Intellektuellen zu spüren.
Erst nachdem die Volkskammerwahlen im Frühjahr 1990 für die Nachfolgepartei der SED, die PDS, den Machtverlust manifestierten, fanden einige Vertriebene und Aussiedler den Mut, sich zu organisieren.
Dr. Herbert Gall war einer der ersten, der in Sachsen die Initiative zur Gründung eines BdV-Kreisverbandes ergriff.
Herr Dr. Gall wurde am 30. November 1938 in der Kleinstadt Freiheit, dem heutigen heutigem Svoboda nad Úpou, am Südhang des Riesengebirges im heutigen Tschechien geboren. Seine Eltern wurden nach dem Ende des 2. Weltkrieges vertrieben. Sie kamen zuerst nach Halle und fanden später in Sachsen Aufnahme.
Der junge Herbert scheint den Namen seines Geburtsortes „Freiheit“ zu seiner Lebensmaxime gemacht zu haben. Er entschloss sich zu einem ingenieurwissenschaftlichen Studium, das bei hoher Qualifikation und guten Leistungen die größtmögliche Freiheit bot.
Im Beruf an selbstständiges Denken gewöhnt ergriff er Ende September 1990 die Initiative und veröffentlichte in der Lokalpresse einen Aufruf zur Gründung eines BdV-Ortsverbandes. Interessenten sollten sich am 27. September 1989 in der Aula der Geschwister-Scholl-Schule in Auerbach einfinden. Es kamen 147 Interessenten, viel mehr als er erhofft hatte. Ein BdV-Kreisverband Auerbach wurde gebildet und Dr. Gall zum Vorsitzenden gewählt. Bereits am 2. Oktober 1990 wurde der neue Verband in das Vereinsregister eingetragen.
Im Oktober 1992 kandidierte er nicht mehr für das Amt des Vorsitzenden. Er blieb aber im Kreisvorstand, um 1996 nach dem Umzug des ersten Vorsitzenden wieder den Vorsitz zu übernehmen, den er trotz langer schwerer Krankheit bis zu seinem Tode innehatte. Bezeichnenderweise fiel die Auflösung des Kreisverbandes mit seinem Tod zusammen.
Zwischen der Gründung und der Auflösung des Verbandes lagen 35 außerordentlich erfolgreiche Jahre Vertriebenenarbeit.
1990 begann der BdV-Auerbach bei null. Das Rad musste er aber nicht neu erfinden. Der BdV-Kreisverband Ludwigsburg aus Baden-Württemberg übernahm die Patenschaft. Aus Ludwigsburg erfuhr man, welche Aufgaben ein BdV-Kreisverband übernehmen sollte. Unter der Leitung von Dr. Gall entwickelte sich der Kreisverband zu einem Musterschüler. Es gab praktisch keine denkbare Aktivität eines Vertriebenenverbandes, die nicht entwickelt wurde.
Besonders hervorzuheben sind die Einrichtung einer Heimatstube verbunden mit Büro, Versammlungsraum und einer Ausstellung mit Trachten und sonstigen Exponaten aus den Heimatgebieten. Die Kontakte und Treffen mit deutschen Minderheiten in Ungarn, Tschechien und Polen sowie mit den heutigen Bewohnern der früheren Heimatgebiete der Vertriebenen, der Aufbau einer Trachtengruppe, einer Tanzgruppe, eines Handarbeitskreises, die Beratung der Mitglieder in vertriebenenspezifischen Rechtsfragen und Fahrten in die früheren Heimatgebiete von Ostpreußen bis Ungarn.
In den Museen der Umgebung wurden Ausstellungen zu Themen, die den Vertriebenen wichtig sind, initiiert. Gemeinsam mit der Museumsleiterin wurde für das Museum Auerbach eine Dauerausstellung über Vertreibung und Vertriebene erstellt.
Der BdV-Kreisverband Auerbach beteiligte sich an mehreren Publikationen zur Vertriebenenthematik, die von Mario Morgner aus Rodewisch redaktionell betreut wurden. In den Redaktionen wirkte immer Dr. Gall an führender Stelle mit. Besonders erwähnt sei die Broschüre „Flucht, Vertreibung, Hoffnungslosigkeit – Flüchtlinge und ihr Neuanfang im Vogtland 1945 -1949“ sowie das Buch „Kulturregion Riesengebirge“ von Mario Morgner und Dr. Jens Baumann, für das Dr. Gall das Bildmaterial beschaffte und auswählte.
Herr Dr. Gall initiierte auch die erste Internetseite eines BdV-Kreisverbandes in Sachsen und eine der ersten Internetauftritte eines BdV-Verbandes in Deutschland. Einmalig war der Aufbau einer Wandergruppe, in die auch Nichtvertriebene aufgenommen wurden. Dies war die beste denkbare Öffentlichkeitsarbeit für die Anliegen der Vertriebenen.
Gesellschaftspolitisch am bedeutsamsten war die Schülerarbeit. Schulklassen aus den Schulen in Auerbach, Falkenstein und Rodewisch wurden zu Wanderausstellungen der Stiftung der Vertriebenen im Freistaat Sachsen und Ausstellungen der Museen in Auerbach und Falkenstein begleitet. Im Zusammenhang mit den Ausstellungsbesuchen wurde Zeitzeugengespräche geführt. Schulklassen und Schüler, die sich an den Schülerwettbewerbern der Stiftung der Vertriebenen beteiligen wollten, wurden unterstützt. Die intensive Schülerarbeit blieb den Hochschulen nicht verborgen. Mehrere Studenten wandten sich bei Forschungsarbeiten an den BdV-Auerbach. Unter Ihnen war mindestens ein ausländischer Student.
Im Fokus der Arbeit des BdV-Auerbach unter Leitung von Dr. Gall standen nicht nur die Vertriebenen und die Deutschen Minderheiten, sondern auch die heutigen Bewohner der früheren Heimatgebiete. Beispielsweise wurden bei Katastrophen-fällen Hilfslieferungen organisiert. Zwischen Dr. Galls Geburtsort Freiheit/Svoboda und Reumtengrün wurde eine Partnerschaft initiiert, die den BdV-Kreisverband überdauern wird.
Die Aktivitäten des BdV-Kreisverbandes Auerbach unter Leitung von Dr. Gall wurden öffentlich anerkannt. Daher gelang es ihm immer wieder erfolgreich, Förderanträge für Projekte des BdV-Auerbach bei Dr. Baumann, dem Beauftragten für die Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen, zu stellen.
Am 19. September 2009 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Auerbach ernannt.
2013 erhielt er die goldene Ehrennadel des Bundesverbandes des BdV.
Die Stadt Auerbach und die Gemeinde Reumtengrün ehrten Dr. Gall mit Verleihung ihrer Bürgerpreise 2011 bzw. 2022
Die Organisationen der Vertriebenen im Vogtland und in ganz Sachsen verlieren mit Herrn Dr. Herbert Gall einen der erfolgreichsten Streiter für ihre Belange. Wir werden sein ehrendes Andenken bewahren.
Friedrich Zempel
