Anfang Februar hatte die Zentralbibliothek Dresden zu einer Autorenlesung mit dem 1957 geborenen ungarisch- sprachigen Schriftsteller und Dramaturgen András Visky aus Cluj-Napoca (Klausenburg) / Rumänien eingeladen. Der Autor stellte seinen erst vor wenigen Wochen in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Die Aussiedlung“ vor. Einige Kapitel aus der deutschen Übersetzung las der Dresdner Schauspieler Ahmad Mesgarha. Durch die Veranstaltung führte seine Übersetzerin, Timea Tankó.
Unter Aussiedlung versteht man in Deutschland die Übersiedlung von Angehörigen der deutschen oder jüdischen Minderheit aus den Staaten Mittel- und Osteuropas nach Deutschland oder Israel, die wegen vielfältiger Benachteiligungen und Ungleichbehandlungen ihr Heimat- oder Herkunftsland verlassen. Der Aussiedlung geht in der Regel ein mehrjähriges zermürbendes Antragsverfahren voraus, dass durch zusätzliche Schikanen – etwa den Verlust des Arbeitsplatzes und der Wohnung – begleitet wird. Manche Antragsteller überwinden nur schwer die Zweifel, ob das Verlassen des Heimat- oder Herkunftslandes für sie der richtige Weg ist. Aber der steigende psychische Druck lässt alle Bedenken zurücktreten.
In Deutschland oder Israel angekommen, lernen sie bald die Vorteile von Freiheit und sozialer Sicherheit schätzen. Die „Aussiedlung“ ist für sie ein schmerzhafter aber freiwillig eingegangener notwendiger Prozess, um zu überleben.
András Visky meint mit „Aussiedlung“ jedoch genau das Gegenteil, die 1959 durchgeführte Deportation seiner Mutter und sechs Geschwister in den rumänischen „Gulag“, die Bărăgan- Steppe. Bereits auf den ersten Seiten wird klar, dass diese Form der „Aussiedlung“ das Ziel hat, die Deportierten zu vernichten.
Wenige Wochen zuvor war der Vater der Familie, ein protestantischer Pfarrer, als Systemgegner zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Beim Beginn der Deportation ist der Autor zwei Jahre alt. Erst im Lager entwickelt er eine Vorstellung von seiner Familie, einer Familie ohne Vater.
Seine Mutter lebt in zwei Welten. In ihrem Kopf lebt die Welt der Ehe- und Pfarrersfrau mit der Liebe zu ihrem Mann und allen christlichen Traditionen und Geboten weiter. In der Realität muss sie darum kämpfen, im Miteinander der Familie einen möglichst großen Teil ihres bisherigen Zusammenlebens zu bewahren. Überleben kann die Familie nur, weil sich kurz vor der Deportation ihnen Nénya angeschlossen hat, eine junge Frau ohne Familie, die sich auf Vermittlung eines anderen Pastors bei den Viskys nur wenige Tage erholen sollte. Nénya gefällt es in der Familie gut. Sie „adoptiert“ ungebeten ihre Gastgeber und bleibt für immer. Sie widersetzt sich allen Versuchen der Securitate, sie von „ihrer“ Familie zu trennen. Die Visky-Kinder haben daher außer der liebe- und aufopferungsvollen Mutter eine „Mutterstellvertreterin“.
Der spätere Autor ist noch zu jung, um seine Familie bei ihrem Überlebenskampf zu unterstützen. Als Dienst an der Familie beschließt er, alles, was sie durchleiden müssen, in sich aufzunehmen und später niederzuschreiben, um wie ein Prophet des Alten Testaments über diese Prüfung Gottes zu berichten. Leerstellen zwischen den eigenen Erinnerungen und den Berichten der anderen Familienmitglieder schließt er mit erfundenen Geschichten, die er mit großem Einfühlungsvermögen quasi „interpoliert“, beispielsweise die Hochzeitsnacht seiner Eltern.
Das Buch ist keine Familiensaga mit einem Handlungsstrang, der dahinfließt wie ein großer Strom. Der Protagonist und Autor schildert 822 Episoden aus dem Lageralltag und überlässt es der Fantasie des Lesers, sie wie Teile eines Puzzles zu einem Roman zusammenzufügen. Diese Methode erleichtert die Lektüre ungemein.
Das Buch wurde für Leser in Rumänien und Ungarn geschrieben. Sie kennen die Geschichte des Bărăgan-Gulags. Für die deutschen Leser werden die nachfolgenden Erläuterungen gegeben:
1951 deportierte die kommunistische rumänische Regierung rund 12.000 Familien mit 43.000 Angehörigen, die sie als systemfremd betrachtete, in die Bărăgan- Steppe. Unter ihnen waren auch über 10.000 Banater Schwaben. In der Steppe fanden die Deportierten keine Unterkünfte und keine Versorgungsstruktur vor. Ihre Behausungen mussten sie erst selbst schaffen. Zunächst vegetierten sie auf dem freien Feld, bis sie sich ein Erdloch graben und mit Zweigen, Reet und Laub abdecken konnten. Erst im Laufe der Jahre bauten sie Baracken. So entstanden die Lager.
Die meisten der 1951 Deportierten wurden nach fünf Jahren entlassen. Die Lager blieben jedoch erhalten. Wenn das Regime es für nötig hielt, kam es zu neuen Deportationen, so auch im Jahr 1959, als die Familie Visky deportiert wurde.
Wie in allen Lagern gab es eine Hierarchie. Die Gesündesten hatten die besten Chancen, zu überleben, nicht selten zu Lasten der Schwachen, Alten, Kranken und Familien mit kleinen Kindern wie die des Autors. Die Viskys konnten nur überleben, weil sie in jeder Minute ihres Daseins zusammenhielten. Sie schöpften aus ihrem christlichen Glauben Kraft, was nicht ausschloss, dass sie manchmal mit ihrem Gott und seinen Geboten haderten. Um zu überleben, erklärte Nénya den Kindern, das Gebot „Du sollst nicht stehlen!“ gelte nur am Tag.
1963/64 wurde das Lager aufgelöst und die Viskys kamen frei. Auch der Vater wurde entlassen, den der Autor erst jetzt kennenlernte.
Auch für Kenner der reichhaltigen Literatur über den sowjetischen Archipel Gulag ist die Lektüre dieses Buches interessant, weil die Familienkonstellation, insbesondere der kindliche Chronist, dem Rezensenten einmalig erscheinen.
Friedrich Zempel
