Pesterwitz ist ein „Kulturdorf“. Das wurde am 18. Juli erneut mit der Enthüllung einer Gedenktafel für den Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann unter Beweis gestellt.
Der Verein „Erinnerung und Begegnung e. V.“ (EuB), die Stiftung „Erinnerung, Begegnung, Integration“ (EBI) und der Ortschaftsrat Pesterwitz erinnerten in einer Gedenkstunde an den Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der vor 80 Jahren in seiner schlesischen Heimat verstorben ist.
Ortsvorsteher Wolfgang Schneider erklärte in seiner Begrüßung, aus welchen Gründen sich die Organisatoren für Pesterwitz als Veranstaltungsort entschieden hatten. Hauptmann sei Gast in der Pesterwitzer Gaststätte „Holferts Kaffee- & Weinschank“ gewesen. Wie oft er in Pesterwitz war, sei unbekannt. Der aus Pesterwitz gebürtige Zoologie-Professor Dr. Hans Petzsch habe jedoch berichtet, dass er Gerhart Hauptmann Anfang der dreißiger Jahre, damals war er noch Student, einmal in dem Weinschank getroffen hat.
Der Vorsitzenden des EuB, Herr Peter Bien, zeichnete den Lebenslauf Gerhart Hauptmanns vom unbekannten Sohn einer Gastwirtsfamilie aus Ober-Salzbrunn im Waldenburger Bergland zum gefeierten Dramatiker und Nobelpreisträger nach. Dabei ging Herr Bien auch auf die Beziehungen Gerhart Hauptmanns zu Dresden und seiner Umgebung ein. Der 1862 geborene Literat und seine beiden älteren Brüder hatten drei Schwestern aus der Familie Thienemann in Radebeul geheiratet. Nachdem Gerhart Hauptmann 1912 den Literaturnobelpreis erhalten hatte, ließ er sich in Dresden/Blasewitz eine Villa bauen, die in der Fachwelt als der Höhepunkt des „neuen Bauens“ galt. In dieser Villa hat Hauptmann mehrere Jahre mit seiner Familie gelebt. 1945 wurde Gerhart Hauptmann bei einem Aufenthalt in Dresden Loschwitz Zeuge der Zerstörung Dresdens durch die alliierten Luftangriffe am 13./14. Februar. Nach diesem erschütternden Erlebnis kehrte Hauptmann in seinen damaligen Wohnsitz, die Villa Wiesenstein in Agnetendorf im Riesengebirge, zurück und erlebte dort das Kriegsende.
Nach dem Rückzug der deutschen Truppen und der Übernahme der Verwaltung durch Polen erhielt Hauptmann von den Militärbehörden der UDSSR einen Schutzbrief, so dass er nicht vertrieben wurde. Am 6. Juni 1946 verstarb er. Sein Wunsch, in seiner Heimat begraben zu werden, wurde von den polnischen Behörden abgelehnt. Am 19. Juli begann die Überführung nach Hiddensee, wo er viele Jahre die Sommerferien verbracht hatte. Dort wurde er am 28. Juli 1946 beigesetzt.
Jürgen Petzsch, der Neffe von Hans Petzsch, berichtete über das Zusammentreffen seines Onkels mit dem Nobelpreisträger. Sein Onkel war in den dreißiger Jahren in Dresden Student der Zoologie. Als er einmal in Pesterwitz war und Schuhe vom Schuster abholen wollte, begegnete ihm kurz hinter Holferts Kaffee- und Weinschank ein Mann mit einer wilden „Goethe-Mähne“. Einer in der Schusterwerkstatt ausliegenden Zeitung entnahm er, dass Hauptmann in Dresden zu Besuch weilte. Nun war ihm klar, wer der Mann mit der „Goethe-Mähne“ war, den er zuvor getroffen hatte. Dann warf er sich die an den Schnürsenkeln zusammengebundenen Schuhe über die Schulter und machte sich auf den Heimweg, um in „Holferts Kaffee- & Weinschank“ noch einen Schoppen Wein zu genießen. In der Schenke saß als einziger Gast der Herr mit der „Goethe-Mähne“. Zwischen den beiden Gästen entwickelte sich ein Gespräch, in dessen Verlauf der ehrwürdige Herr Hans Petzsch fragte, ob er bereits einmal in einem Theater gewesen sei. Dieser konnte mehrere Stücke von Hauptmann nennen. Weil Hans Petzsch darauf verzichtete, sich als Student zu „outen“, hielt der große Dramatiker ihn für einen schlichten Handwerker. Beim Abschied zeigte er sich verwundert über die Bildung eines „einfachen Schusters“. Hans Petzsch ließ ihn – wohl innerlich schmunzelnd – in diesem Glauben.
Die Gaststätte mußte vor einigen Jahren wegen ihrer Baufälligkeit durch einen Neubau ersetzt werden. Die Architektin Dr. Barbara Braun hat dort in Abstimmung mit dem Denkmalschutz und dem Landeskirchenamt das für das Ortsbild wichtige Gebäude nahezu identisch als Wohnhaus wiederaufgebaut. Sie hat zugestimmt, dass der EuB und die EBI an der Mauer vor ihrem Haus eine Gedenktafel für Gerhart Hauptmann anbringen.
Im Anschluß an die Reden schritten die Akteure zu der Gedenktafel, die von Frau Dr. Braun enthüllt wurde.



Der Text der Tafel lautet:
Pesterwitzer Erinnerungsort
An diesem Platz hat sich vor 1945 die Gaststätte Holferts Kaffee- & Weinschank befunden.
Prominentester Besucher des Lokals war der Literaturnobelpreisträger
Gerhart Hauptmann
geboren am 15. November 1862 in Ober Salzbrunn (Schlesien)
gestorben am 6. Juni 1946 in Agnetendorf (Schlesien)
Die Tafel wurde vom Verein Erinnerung und Begegnung e.V. gestiftet
anläßlich des 80. Todestages von Gerhard Hauptmann am 6. Juni 2026.
Nach der Enthüllung bedankte sich der Vorsitzende des Stiftungsrates der EBI, Friedrich Zempel, der die Veranstaltung vor Ort organisiert hatte, bei Frau Dr. Braun sowie den anderen Akteuren und lud alle Teilnehmer ein, auf dem Parkplatz des Hofladens des Gutes Pesterwitz noch eine Weile gute Gespräche zu führen. Familie Folde hatte vorsorglich Zeltdächer gegen Sonne und Regen sowie Tische mit kalten Getränken aufgestellt. Hier kam es zu einem regen Gedankenaustausch zwischen den Teilnehmern der Veranstaltung.
Den Weinschank, in dem sich Gerhart Hauptmann einst Pesterwitzer Wein munden ließ, gibt es seit vielen Jahren nicht mehr. Frau Dr. Braun hat in ihrem Haus eine Ferienwohnung eingerichtet. Ihre Gäste müssen nur die Straße überqueren, um in dem Hofladen eine Flasche Pesterwitzer Wein zu erwerben.
Friedrich Zempel
