Gedanken zum Hitler- Stalin- Pakt

von Friedrich Zempel

Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer des Stalinismus und Nationalsozialismus

Das geheime Zusatzprotokoll zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt

Der Pakt der Teufel vom 23. August 1939

Auf den ersten Blick scheint es widersprüchlich zu sein, den Stalinismus und Nationalsozialismus in einem Atemzug zu nennen. Wenn man sich jedoch mit den Vorgängen um den 23. August 1939, dem Tag des Abschlusses des geheimen Zusatzprotokolls zum Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffspakt, befasst, wird das verhängnisvolle Zusammenwirken der beiden totalitären Systeme deutlich.

In dem Zusatzprotokoll heißt es u. a.:

1. „Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessensphären Deutschlands und der UdSSR. ….

2. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt. Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden.“

3. In diesem Abschnitt erklärt Deutschland, dass es kein Interesse an Bessarabien habe.

Ein Überraschungscoup war der Abschluss des Nichtangriffsvertrages für erfahrene Diplomaten nicht. Deutschland und Russland hatten seit dem 12. Jahrhundert gute Beziehungen; denn zwischen Staaten und Völkern gibt es keine Nächsten-, sondern nur eine Übernächstenliebe, zu Staaten und Völkern, mit denen es keine gemeinsamen Grenzen gibt. Außerdem waren nach dem 1. Weltkrieg beide Länder „Parias“ in der internationalen Politik, Deutschland als Kriegsverlierer und Russland als Hort der Revolution.

Deutschland hatte durch den Versailler Vertrag Westpreußen an Polen abtreten müssen und dadurch die Landverbindung nach Ostpreußen verloren. Die UdSSR hatte durch den polnisch-sowjetischen Krieg einen Großteil des Territoriums verloren, dass Russland im Rahmen der polnischen Teilungen von Polen geraubt hatte. Während des Krieges hatte Deutschland sich offiziell für neutral erklärt, aber Waffentransporte nach Polen durch das Deutsche Reich und den Hafen von Danzig verhindert.

Erst nach der Machtergreifung Hitlers hatte sich das deutsch-polnische Verhältnis gebessert. Hitler war ein Bewunderer des autoritär regierenden polnischen Machthabers Marshall Pilsudski. 1934, nur ein Jahr nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, hatte Hitler mit Pilsudski einen auf zehn Jahre befristeten Nichtangriffspakt abgeschlossen. Mit dem Tod Pilsudskis am 12. Mai 1935 endete die „Schonfrist“ für Polen. Die NS-Führung überarbeitete ihre Pläne. Polen sollte zukünftig auf die Bereitstellung von Lebensraum für „Arier“ und Arbeitskräften für die deutsche Industrie als Ersatz für die zum Wehrdienst eingezogenen Soldaten beschränkt werden.

Hitlers außenpolitischen Erfolge – der Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes im Jahr 1938 und die Umwandlung Tschechiens in ein Protektorat im März 1939 – hatten nicht nur Polen, sondern auch die Westmächte (England und Frankreich) und die UdSSR in Alarmbereitschaft versetzt. Die internationale Nervosität wurde am 28. April 1939 durch die Kündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes weiter verstärkt. Zwischen der UdSSR und den Westmächten wurde hektisch verhandelt, wie auf eine von Deutschland erwartete militärische Intervention reagiert werden könnte.

Letztlich scheiterte eine gemeinsame Reaktion an der von den Westmächten geforderten Bestandsgarantie für die baltischen Staaten und der Verweigerung des Durchmarschrechts für sowjetische Truppen durch Polen und Rumänien.

Parallel verhandelten Deutschland und die UdSSR. Am 19. August wurde ein Wirtschaftsabkommen geschlossen und am 23. August der Nichtangriffspakt mit dem geheimen Zusatzprotokoll.

Der deutsche Botschafter in Moskau, Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, der den Vertrag in dienstlichem Auftrag vorbereitet hatte, kommentierte in seinen privaten Notizen das Geschehen weitsichtig mit den Worten: „Jetzt hat Hitler die Möglichkeit, einen Krieg vom Zaun zu brechen und den werden wir verlieren.“

Zwei Wochen später traf der erste Teil seiner Befürchtung ein. Am 1. September 1939 ließ Hitler die Wehrmacht in Polen einmarschieren

Als Antwort auf ein Pogrom polnischer Nationalisten an der deutschen Minderheit am 3. und 4. September in den Gebieten, die früher zu den Provinzen Posen und Westpreußen gehört hatten, mit ca. 5.500 Toten (Bromberger Blutsonntag) wurden in wenigen Wochen 55.000 Polen der polnischen Ober- und Mittelschicht ermordet – für jeden toten Deutschen 10 Polen. Nach Schuld oder Unschuld wurde nicht gefragt. Das war keine Blutrache. Private Rache war verboten und wurde bestraft. Die Täter waren Angehörige deutscher Dienststellen. Die Zahl der polnischen Opfer erhöhte sich im Laufe des Krieges fast exponentiell.

Ende September begann die Vertreibung der polnischen Ober- und Mittelschicht aus den polnischen Westgebieten nach Zentralpolen in das neu gebildete Generalgouvernement.

Die UDSSR verhielt sich zunächst abwartend und das nicht ganz ohne Grund. Nach dem 1. Weltkrieg hatte sie schlechte Erfahrungen mit den Kriegen gegen kleinere Ostseestaaten und Polen gemacht. Die Westmächte hatten den 1. Weltkrieg gewonnen und in dem Versailler Vertrag das Deutsche Reich wie einen besiegten Gladiator in den Staub getreten.

Als aber die UdSSR nach dem 1. Weltkrieg die von Deutschland eroberten Teile Russlands besetzen wollte, hielten plötzlich die Kriegsgegner zusammen. Deutsche Soldaten hatten mit Einverständnis Englands einen maßgeblichen Anteil an der Verteidigung der aus der russischen Konkursmasse hervorgegangenen baltischen Staaten und Finnlands. Auch in dem Sowjetisch-Polnischen Krieg hatte sich die UDSSR eine blutige Nase geholt. In dem Friedensvertrag von Riga vom 18. März 1921 musste die UDSSR viele Gebiete an Polen zurückgeben, die sich Russland 150 Jahre zuvor im Rahmen der polnischen Teilungen einverleibt hatte.

Die Reaktion der Westmächte auf den deutschen Überfall auf Polen waren jedoch so halbherzig, dass Stalin seine Bedenken aufgab und sich am 17. September 1939 seinen Teil an der polnischen Beute sicherte. Um einen denkbaren polnischen Widerstand so gut wie unmöglich zu machen, wurden in folgenden Wochen zwischen 22.000 und 25.000 Polen aus der Oberschicht ermordet (Massaker von Katyn).

Die Besetzung Ostpolens durch die UDSSR war eine Art Generalprobe für die folgenden Ereignisse. Am 30. November 1939 begann die UdSSR mit dem Angriff auf Finnland. Die Finnen wehrten sich tapfer. Weil das Land aus dem Westen nur leere Versprechungen erhielt, sah es sich bereits nach wenigen Wochen zu Verhandlungen genötigt. Am 13. März 1940 musste Finnland im Friedensvertrag von Moskau strategisch wichtige Gebiete (u. a. große Teile Kareliens mit Wyborg, der zweitgrößten finnischen Stadt, sowie Inseln im Finnischen Meerbusen) an die UdSSR abtreten. Finnland verlor 10 % seiner Wirtschaftskraft. Ein etwa gleich großer Teil der finnischen Bevölkerung musste flüchten.

Aus Sicht der UdSSR war Finnland ein Kleinstaat. Man hatte erwarten dürfen, dass die UdSSR Finnland noch schneller besiegt als Deutschland Polen. Das war noch nicht der Fall. Finnland hatte einen für sowjetische Verhältnisse günstigen Friedensvertrag abschließen können. Stalin begriff, dass die Schwäche seiner Armee auch auf die inneren Säuberungen, insbesondere im Offizierskorps, zurückzuführen war. Im Gegensatz zu Hitler war er weder ein Hasardeur noch größenwahnsinnig. In Verteidigungsfragen spielte er zukünftig verstärkt die patriotisch-russische Karte.

Nach dem Abschluss des Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und der UdSSR wurden mehrere Wirtschaftsabkommen geschlossen. Weiterhin wurde die Umsiedlung der Angehörigen der deutschen Minderheit aus der UdSSR in den Reichsgau Wartheland nach dem Vorbild der Umsiedlung der deutschen Südtiroler vereinbart und unter dem Slogan „Heim ins Reich“ umgesetzt.

Im Grunde handelte es sich um eine Zwangsumsiedlung. Die Betroffenen durften nur wenig Gepäck mitnehmen (50 Kilo pro Familienvorstand, 25 Kilo je Familienmitglied). Es war verboten, Wertgegenstände aller Art mitzunehmen, u. A. Edelmetalle, Wertpapiere, Kraftwagen, Motorräder, Bücher und Kirchenbücher mussten zurückgelassen werden. Erlaubt war lediglich die Mitnahme von 50 Zloty/Person. 1,25 Millionen Deutsche verloren ihre Heimat und ihr Vermögen. Das war der Reichsregierung aber offenbar gleichgültig. Für sie waren die deutschen Minderheiten nur „Menschenmaterial“ für die Verwirklichung Ihrer Idee einer ethnisch homogenen Volksgemeinschaft unter einem „Führer“ nach dem Vorbild der Germanenherzöge der Völkerwanderung.

Im Juni 1940 besetzte die UdSSR die baltischen Staaten sowie Teile Rumäniens (Bessarabien und die Bukowina). Die Bukowina war gar nicht Teil des Zusatzprotokolls gewesen. Das Deutsche Reich verhielt sich wie ein Wolf, dem ein Bär sein Opfer abgenommen hat, es kuschte.

In den auf den Kriegsbeginn folgenden Monaten hielten sich Deutschland und die UdSSR an die in den Wirtschaftsabkommen übernommenen Lieferverpflichtungen. Deutschland bekam Rohstoffe, Russland Industriegüter. Beide Länder konnten weiter aufrüsten und sich auf die folgenden Kriegsjahre vorbereiten. Das Zusatzprotokoll war daher ein integraler Teil der deutschen Kriegspläne. Ihr Scheitern hatte die Unterjochung der Staaten und Völker Ost-Mitteleuropas durch die UDSSR zur Folge.

Die Herrschaft der Nationalsozialisten, der von Hitler ausgelöste 2. Weltkrieg und die Herrschaft Stalins hatten Dutzende Millionen Tote zur Folge. Die Schäden der europäischen Völker einschließlich der Deutschen und Russen an Leib, Leben, Gesundheit, Vermögen und der Kultur waren unermesslich. Sie sind eine Mahnung, zu allen Zeiten und unter allen Umständen darüber nachzudenken, wie zukünftig Kriege verhindert und Menschenrechte gewahrt werden können.