Der LVS rief und alle, alle kamen

Der Landesverband der Vertriebenen und Spätaussiedler im Freistaat Sachsen/Schlesische Lausitz und die Stiftung der Vertriebenen (LVS) hatten am 28. März zu ihrem Jahresanfang Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens eingeladen, insbesondere Politiker und leitende Mitarbeiter aus der Schulverwaltung. Neben den Honoratioren waren auch mehrere Dutzend Aktive aus den Mitgliedsverbänden des LVS in das Gewölberestaurant „Anna im Schloss“ in Dresden gekommen, unter ihnen auch jüngst geflüchtete Deutsche aus der Ukraine, Ukrainer und jüdischen Kontingentflüchtlinge. Sie wollten erfahren, was man „höheren Orts“ über sie denkt und ihnen zu sagen hat.

Nach Eingangsliedern des Chores Silberklang der Deutschen aus Russland/Ortsgruppe Dresden leitete Dr. Manfred Hellmund in Vertretung des erkrankten Landesvorsitzenden Frank Hirche den Abend ein. Überblicksartig erläuterte er die vielfältigen Vereinsaktivitäten. Er betonte, dass die Vertriebenen und Spätaussiedler keine Randgruppe sein; denn über 1 Million Vertriebene und Aussiedler seien nach dem Krieg in Sachsen ansässig geworden. Man müsse davon ausgehen, dass durch Eheschließungen zwischen Einheimischen und den Deutschen aus dem Osten mindestens jeder zweite sächsische Bürger einen „Vertriebenenhintergrund“ habe.

Als erster Hauptredner kommentierte Christian Hartmann, Fraktionsvorsitzender der CDU im Sächsischen Landtag, die Arbeit der Gastgeber sehr wohlwollend. Besonders lobte er die grenzüberschreitende Arbeit nach Polen und Tschechien. Von dieser Arbeit profitiert auch der Freistaat; denn sie verbessert auf beiden Seiten das regionale Zusammengehörigkeitsbewusstsein. Armin Schuster, Staatsminister des Innern, legte sein Augenmerk besonders auf den „Transferraum Heimat“ in Knappenrode bei Hoyerswerda. In dieser Erinnerungs-, Begegnungs- und außerschulischen Bildungsstätte werden die Besucher über die Vorgeschichte der Vertreibung, die Vertreibung und die Integration informiert. Zielgruppe sind vor allen Dingen Schüler und Studenten. Sein Grußwort dürfte besonders bei den anwesenden Pädagogen auf Interesse gestoßen sein, die aufgefordert wurden, mit ihren Klassen, den Transferraum Heimat zu besuchen.

Rafl Bartek, Vorsitzender der sozialkulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien und Vorsitzender des Woiwodschaftstages der Woiwodschaft Oppeln, berichtete über die Lage der deutschen Minderheit in Polen. Er führte aus, dass die Gesamtzahl der Angehörigen der anerkannten Minderheiten in Polen nicht einmal ein Prozent der Bevölkerung betrage. Zwar seien die Deutschen die größte Minderheit.  Angesichts ihrer geringen Zahl sei es aber sehr schwer, sich in einer Demokratie, in der die Zahl der Stimmen entscheidend sei, Gehör zu verschaffen. Von 2007 – 2023 habe der Oberschlesier Ryszard Galla dem Sejm als einziger Deutscher dem polnischen Parlament angehört. Im aktuellen Parlament sei kein Deutscher mehr vertreten. Mit der deutschen Minderheitenpolitik schien der Referent ebenfalls nicht zufrieden zu sein. In Deutschland, erklärte er, sei die Politik ganz auf die Vertriebenen und Spätaussiedler ausgerechnet. Im Vergleich mit anderen Nationen kümmere sich die deutsche Politik viel zu wenig um ihre Minderheiten, obwohl diese wichtige Brückenbauer zu anderen Nationen seien. Auch die Vertriebenenorganisationen der Bundesebene sollten sich stärker der Angelegenheiten der Minderheiten annehmen. Dagegen begrüßte er das Engagement des Freistaates und der Vertriebenenorganisationen in Sachsen.

Im Anschluss an die Reden bestand die Möglichkeit zu einem gegenseitigen Gedankenaustausch bei Kartoffelsuppe und Salaten, der von den Teilnehmern gerne genutzt wurde. Die durch die Gewölbearchitektur bedingte lockere Verteilung der Tische trug dazu bei, dass Bürger und Amtsträger sich näherkamen.

Friedrich Zempel