Rede bei der Kranzniederlegung auf dem Vertriebenenfriedhof in Freiberg
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
im Namen des Landesverbandes der Vertriebenen und Spätaussiedler und der Stiftung der Vertriebenen danke ich Ihnen, dass Sie gekommen sind, um an die rund 1400 Vertriebenen zu erinnern, die zwischen 1945 und 1950 auf diesem Grundstück begraben wurden. Die Verstorbenen kamen aus 144 verschiedenen Orten aus dem Osten. Sie hatten ihre Heimat für immer verloren.
Auch im Westen hat es eine Vertreibung gegeben, in Italien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden, aber dort konnten die Vertriebenen nach wenigen Jahren in ihre Heimat zurückkehren.
Durch den von Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieg sind in Europa über 50 Millionen Menschen gewaltsam zu Tode gekommen.
Schätzungsweise 25 Millionen Menschen wurden vertrieben. 14-16 Millionen waren Deutsche aus dem Osten. Mehr als 2 Millionen Deutsche kamen bei oder in Folge der Vertreibung um. Viele Kleinkinder und Alte sind erfroren, verhungert oder aufgrund der Strapazen verstorben und am Straßenrand liegen geblieben. Über 1 Millionen Frauen wurden vergewaltigt.
Für 35.000 Vertriebene war Freiberg, das damals kaum mehr Einwohner hatte, der erste Anlaufpunkt. Nur die Widerstandsfähigen hatten Freiberg erreicht. Aber auch die meisten von ihnen hatten bei der Vertreibung
und auf dem Weg nach Freiberg entsetzliche Verbrechen erlitten. Der Verlust ihrer Heimat hatte sie schwer traumatisiert. Die Versorgung blieb mangelhaft. Im Hungerwinter 45/46 verhungerten in Deutschland über 100.000 Menschen. Viele von ihnen waren Vertriebene.
Die in Freiberg verstorbenen Vertriebenen wurden auf dem vor uns liegenden Gelände, das damals kein Friedhof war, begraben, oft mehr oder weniger verscharrt.
Kurz nach dem Krieg war diese unwürdige Form der Bestattung entschuldbar. Aber einige Jahre später hätte die Möglichkeit bestanden, dieses Gelände in einen Friedhof umzuwandeln. Das geschah leider nicht. Die damalige Obrigkeit wollte nicht, dass in der Nähe des Ehrenmals für die Toten der Roten Armee eine Erinnerungsstätte für deutsche Kriegsopfer eingerichtet wird.
1978 wurde das Gelände eingeebnet. Die deutschen Opfer sollten vergessen werden.
Glücklicherweise wurden sie aber nicht vergessen, nicht von ihren Angehörigen, nicht von den Vertriebenen in Freiberg und nicht von dem für die Friedhöfe zuständigen Mitarbeiter der Stadt, Jürgen Klingauf.
Nachdem nach der friedlichen Revolution die Vertriebenen unter Leitung von Hubertus Unfried einen BdV-Kreisverband Freiberg gegründet hatten, beschlossen Hubertus Unfried und Jürgen Klingauf, diese Fläche in einen richtigen Friedhof umzuwandeln und Stelen mit den Namen der Verstorbenen aufzustellen. Dabei wurden sie von Oberbürgermeister, Konrad Heinze, dem Vertriebenenreferenten des sächsischen Innenministeriums, Dr. Jens Baumann, dem Volksbund für Kriegsgräberfürsorge, heimischen Unternehmern und Soldaten der Bundeswehr aktiv unterstützt.
2002 konnte die gesamte Anlage im Beisein von Staatsminister Stanislaw Tillich, der neuen Oberbürgermeisterin, Dr. Uta Rensch, weiteren Ehrengästen und mehreren hundert Angehörigen eingeweiht werden.
Seither haben Tausende Vertriebene, deren Angehörige hier begraben wurden, diesen Friedhof zu einem stillen Gedenken besucht.
Dieser Friedhof dient nicht nur der Erinnerung an die hier Bestatteten. Er ist auch ein Ort der Mahnung, dass wir danach streben, Kriege zu vermeiden und begonnene Kriege zu beenden.
Friedrich Zempel

